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Der Krankenhaus-Clown

Reinhard Horstkotte ist der künstlerische Leiter von ROTE NASEN - unserem Projekt des Monats. Sein zweites „Ich“ ist der Clown Filou. Gemeinsam mit seinen 25 Clown-Kolleginnen und Kollegen bringt Filou Freude und Unbekümmertheit zu kranken und leidenden Menschen. Die Medizin der ROTE NASEN Clowns ist das Lachen, das den Genesungsprozess unterstützen kann.



Der Krankenhaus-Clown

Von Anna Ramskogler-Witt am 16.06.2017


Clown Filou im Einsatz (c) Gregor Zielke

Vielen Dank, dass Du Dir heute Zeit für uns genommen hast. Kannst Du uns kurz erzählen, was die Figur des Clowns für Dich bedeutet?

Für mich ist der Clown ein Sinnbild des Menschlichen – der Ambivalenz, dass man auf der einen Seite ein ganz normales Leben führt und auf der anderen Seite in einer ganz anderen Welt ist. In einer Welt von Fantasie, Sehnsucht, Poesie und vielleicht auch nicht so richtig reinpasst in die „normale“ Welt. Dieses Spiel mit den zwei Wirklichkeiten mochte ich immer sehr.

Clown zu sein heißt aber auch, nicht immer in die Welt, so wie sie ist, hinein zu passen. Dieser Umstand war für mich, auch bevor ich Clown wurde, ein großes Thema.

 

Gibt es ein Erlebnis als Krankenhaus-Clown, dass Dich besonders geprägt oder Deine Arbeit beeinflusst hat?

Geprägt hat mich sicherlich mein erstes Erlebnis als Krankenhaus-Clown. Ich kam in ein Zimmer zu einem Jungen, der unter starker Mukoviszidose litt. Mukoviszidose ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der sich sehr viel Schleim in der Lunge bildet und man zu ersticken droht. Zusätzlich werden bei dieser Krankheit die Organe stark in Mitleidenschaft gezogen. Bevor ich den Jungen, der acht oder neun Jahre alt war, besucht habe, hat mir seine Therapeutin gesagt, dass er wahrscheinlich bald sterben werde. Dieses Wissen hat mich sehr befangen gemacht. Es war aber nicht nur dieses Wissen, sondern auch dass ich sah, wie sehr der Junge litt. Er lag ganz dünn und schwach in seinem Bett, seine Mutter saß neben ihm. Es war eine unglaubliche Spannung im Raum. Einerseits war da die Mutter, die lernen musste, ihren Sohn loszulassen. Und andererseits lebte der Junge noch und war ein Kind wie jedes andere auch.

Ich kam also ins Zimmer, und es herrschte dicke Luft. Ich war - wie gesagt - sehr befangen, habe aber dennoch probiert, durch Kunststücke Lachen in den Raum zu bringen. Es hat überhaupt nicht funktioniert. Es herrschte Schweigen im Raum. Auch die tollsten Akrobatikeinlagen änderten nichts. Irgendwann nahm ich einen Luftballon und wollte ihn aufblasen. In dem Moment sah ich, dass sich die Mutter die Ohren zuhielt. „Oh“, sagte ich zu dem Jungen, „jetzt können wir über Deine Mutter sprechen. Das ist ja gut.“ Ich wusste, dass die Mutter auch im Zimmer übernachtete. Deswegen frage ich: „Schnarcht sie im Schlaf?“ Da begann der Junge zu kichern. Daraufhin fragte ich: „Pupst sie viel?“  Dann ging das Lachen los und das Eis war gebrochen. Wir hatten eine gute Zeit.

Zwei Wochen später kam ich ins Krankenhaus. Mittlerweile war der Junge verstorben. Die Psychologin berichtete mir von der Mutter, die erzählt hatte,  dass sie und der Junge das letzte Mal gemeinsam lachen konnten, als ich da war. Das war ein sehr prägendes Erlebnis für mich und hat mir gezeigt, dass man einfach dranbleiben und das Angebot zum Spiel machen muss, auch wenn die Situation eine sehr sensible ist. Wir schauen, wie wir am besten auf die Situation des jeweiligen Kindes eingehen können.

 

Kannst Du nochmal zusammenfassen, was man bei der Arbeit als Klinikclown beachten muss?

Für uns gibt es zwei Dimensionen, die Clowns im Krankenhaus und in anderen sozialen Einrichtungen erfüllen sollten. Das ist zum einen die künstlerische Dimension: Eine starke Clown-Figur mit der Fähigkeit andere zu unterhalten, Gefühle aus dem Nichts zu erwecken, eine Stimmung aufzugreifen und sie mit Hilfe der artistischen, musikalischen oder schauspielerischen Fertigkeiten zu verwandeln. Zum anderen gibt es die menschliche Dimension: Ein reifer Mensch mit der Fähigkeit Mitgefühl oder Empathie zu entwickeln. Sich ganz in das Gegenüber hineinzuversetzen und ihr oder ihm somit die Erfahrung einer lebendigen Beziehung zu ermöglichen.

 

Man kann Eure Tätigkeit mit Spenden unterstützen, zum Beispiel mit unserem „goood big impact“-Tarif, bei dem automatisch jeden Monat 3 Euro gespendet werden. Wenn man aber selbst ein ROTE NASEN Clown werden möchte, was sollte man beachten?

Voraussetzung ist eine künstlerische Ausbildung wie zum Beispiel in Schauspiel, Gesang oder Pantomime. Wichtig ist es auch, bereits über Schauspielerfahrung zu verfügen und sich mit dem Thema Clown-Sein schon einmal intensiv beschäftigt zu haben.

ROTE NASEN bietet keine klassische Clown-Ausbildung an. In Deutschland gibt es aber verschiedene Möglichkeiten, sich als Clown fortzubilden. In Konstanz bietet zum Beispiel die Tamala Clownschule und in Hannover das TUT (Theater und Tanz)) diverse Clown-Workshops an. In Berlin gibt es das Clownlabor. Einige Clowns bieten auch direkt Workshops an (z.B. Philippe Gaulier), die die Kunst der Clownerie vermitteln.

Wir danken für diesen interessanten Einblick!

Wenn Du neugierig geworden bist, kannst Du auf der Homepage der ROTE NASEN mehr erfahren.

 

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